In dem Bergfilm "Nordwand" (2008) kann man sich gleich von mehreren Talenten Ulrich Tukurs überzeugen: Hier erweist er sich ebenso als exzellenter Schauspieler wie als Sänger, der sich selbst am Klavier begleitet. Tatsächlich musiziert Tukur auch im wahren Leben, hat schon mehrere CDs aufgenommen und gibt auch Konzerte. Und für seinen John Rabe in Florian Gallenbergers hoch gelobten, gleichnamigen Drama wurde er 2009 mit dem Deutschen Filmpreis als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. Seit Anfang der 1980er schauspielerisch aktiv hat er einen unvergesslichen Auftritt als Hans Albers, einem der großen deutschen Volksschauspieler, in Hans Christoph Blumenbergs Porträt "In meinem Herzen Schatz" (1989). In dem Film ertönt die Stimme des "blonden Hans" nur gelegentlich vom Band und es gibt kein Filmzitat gibt: für Tukur eine ganz große Herausforderung. Drei Glücksfälle verhelfen zu einem unterhaltsamen, sensiblen und schönen Kinoerlebnis: die wunderbare Ilse Werner, der brillante Kameramann Jörg Schmidt-Reitwein und Ulrich Tukur, einer der vielseitigsten und begabtesten Schauspieler und Show-Talente. Er gibt ein lebendiges und modernes Gegenbild zu Albers und trägt mit einer sehr eigenwilligen, beschwingt frechen Tonart Hans-Albers-Lieder vor.
Bei Blumenberg spielt er auch 1994 in "Rotwang muss weg!" und 1996 den Conrad Veidt in dem Reinhold-Schünzel-Porträt "Beim ersten Kuss knall' ich ihn nieder". Er spielt in Frank Beyers "Nikolaikirche" (1995) und in Matti Geschonnecks "Der Mörder und sein Kind" (1995) mimt er neben der hochbegabten Bühnenschauspielerin Bibiana Beglau den mysteriösen Kindermörder.
Tukur erweist sich vielseitiges Talent. Sein Abitur machte er in Hannover, den High School Abschluss in Boston, studierte Germanistik, Angelistik und Geschichte in Tübingen, spielte als Job Akkordeon und sang. Schließlich machte er an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart von 1980 - 1983 seine Schauspielausbildung. Dann ging er ans Theater in Heidelberg. Tukur spielte und spielte. Parallel besetzte ihn Michael Verhoeven für die Rolle des Hans Scholl in "Die Weiße Rose". Er spielte den Friedrich Engels in Dieter Berners Mehrteiler "Lenz oder die Freiheit" (1986), er ist der Wehner in Heinrich Breloers "Wehner - die unerzählte Geschichte" (1992), aber er ist auch der Karrierist in Peter Keglevics Mehrteiler "Das Milliardenspiel" (1988).
Ulrich Tukur fiel auf, erhielt bei Peter Zadek ein Bühnenangebot, das ihn künstlerisch ein ganzes Stück weiterbrachte: er spielte an der Freien Volksbühne in dem Erfolgsstück "Ghetto" einen SS-Offizier. Am Schauspielhaus Hamburg war er als "Julius Caesar" zu sehen. 1985 spielte er weitere Titelrollen in "Hamlet" und der "Löwenjäger" und wurde 1986 in "Theater Heute" zum Schauspieler des Jahres gekürt. In Reinhardt Hauffs Theater- und Kinoversion "Stammheim" (1985) ist er Andreas Baader. 1987 ist er der feministische Retortenmann in "Felix" (von Helma Sanders-Brahms, Helke Sander, Margarethe von Trotta, Christel Buschmann). Und wieder unter Verhoeven wirkte Tukur in "Mutters Courage" (1995) mit. Ein Paradebeispiel seiner überragenden Schauspielkunst gab Tukur übrigens als gewissenloser Stasi-Offizier in dem mit dem Oscar als bester nicht-englischsprachiger Film ausgezeichnetem Drama "Das Leben der Anderen" (2005).
Weitere Werke mit Ulrich Tukur: "Liebe Melanie" (1982), Die Schaukel", "Die Story", "Kaltes Fieber" (alle 1983), "Ballhaus Bambeck" (1988), "Werner - Beinhart!" (Stimme, 1990), "Lulu", "Die Kaltenbach-Papiere" (beide 1990), "Die Spur des Bernsteinzimmers" (1991), "Der demokratische Terrorist", "Das letzte U-Boot", "Wenn ich sonntags in mein Kino geh'" (alle 1992), "Felidae" (Stimme), "Der König" (TV-Serie, eine Folge), "Geschäfte", "Blaubarts Orchester", "Draußen vor der Tür", "Maus und Katz" (alle 1994), "Tränen aus Stein", "Charms Zwischenfälle", "Das Alibi" (alle 1995), "Ein Vater sieht rot", "Einmal Casanova sein", "Freier Fall", "Tatort: Perfect Mind - Im Labyrinth" (alle 1996), "Blutige Scheidung - Mein Mann läuft Amok", "Kommissar Rex: Mosers Tod" (beide 1997), "Pünktchen und Anton" (ungenannt), "Das Böse" (beide 1998), "Die beste Party - Heimatabend 1999", "Warten ist der Tod", "Apokalypse 99 - Anatomie eines Amokläufers" (alle 1999), "Jedermann", "Bonhoeffer - Die letzte Stunde", "Heimkehr der Jäger", "Probieren Sie's mit einem Jüngeren", "Die Verbrechen des Professor Capellari - Zerbrechliche Beweise" (alle 2000), "Taking Sides - Der Fall Furtwängler", "Tatort - Filmriss" (beide 2001), "Solaris", "Der Stellvertreter" (beide 2002), "Tatort - Das Böse", "Die fremde Frau" (beide 2003), "Die Dreigroschenoper", "Stauffenberg", "Die Axt", "Mein Vater, meine Frau und meine Geliebte", "Tatort - Der Teufel vom Berg" (alle 2004), "Der Lord vom Bambeck", "Die Luftbrücke - Nur der Himmel war frei", "Die Nacht der großen Flut", "Heute heiratet mein Mann", "Die beste aller Familien" (alle 2005), "Dornröschen erwacht", "Mein alter Freund Fritz", "Das Schneckenhaus" (alle 2006), "Rosa Roth: Der Tag wird kommen", "Ein fliehendes Pferd", "42plus" (alle 2007), "Die Frau aus dem Meer" (alle 2007), "Der Mann, dem die Frauen vertrauten", "Seraphine", "Das Vaterspiel" (alle 2008), "Der große Kater", "John Rabe", "Whitin The Whirlwind", "Eden Is West" und "Das weiße Band", "Séraphine" (alle 2009), "Gier" (2010).
Tukur im Interview