-
Ein Witzbold voller Mitleid 

Jerry Lewis
(Joseph Levitsch)
- Geboren am Dienstag, 16. März 1926
- Geboren in Newark, New Jersey, USA
Charlie Chaplin nennt "Hallo Page" einen genialen Film - es ist 1960 die erste Regiearbeit von Jerry Lewis. Und für Jean-Luc Godard ist Amerika's Own Fool der "einzige progressive amerikanische Filmemacher": Jerry Lewis - das ist auch bis Mitte der 70er Jahre die Lachbombe des Kinos schlechthin.Der Allerschrillste: Schauspieler, Regisseur und Produzent Jerry Lewis 
Als Tolpatsch vom Dienst stolpert der geborene Komiker durch seine Filme und eine eigene Fernsehshow. Seine Beine scheinen aus Knetgummi zu sein. Er torkelt mit atemberaubender Gesichtsakrobatik durch die Welt. Im nächsten Moment knallt er steif wie ein Brett zu Boden. In Texas soll es eine Hausfrau gegeben haben, die sich über den Fratzenschneider im wahrsten Sinne des Wortes totgelacht hat. Wenn diese Anekdote hier nicht bewiesen werden kann, so wäre sie doch durchaus vorstellbar.
In den USA negiert die Fachpresse sein Können auch dann noch, als er 1967 an die angesehene University of California als Filmprofessor berufen wird, bei uns entdecken Fans die frühen Filme erst spät und spät widmet ihm "Die Zeit" eine ganze Seite mit einer "kleinen Hommage an Jerry Lewis, den Allerschrillsten", in der Barbara Sichtermann entdeckt, dass Jerry Lewis zwischen Charlie Chaplin und Woody Allen vergessen bleiben musste: "Sein Milieu ist das Chaos".
Geboren als Sohn armer Varieté-Künstler wächst Joseph Levitsch - so der bürgerliche Name - bei Verwandten auf. Möglich, dass er hier bereits seine Mätzchen machte, zwischen Kitsch, Klischees und abgestandenen Gags. So ist es kaum verwunderlich, dass er all diese Stilmittel später ohne Hemmung benutzt: gerade das Schrille und Bonbonfarbige macht die Einmaligkeit von Jerry Lewis und seiner Komik aus. Im zarten Alter von fünf Jahren kraxelt der vorwitzige Dreikäsehoch jedenfalls schon auf die Bühne, um das Publikum mit seinen Kinderliedern zu erfreuen. Von diesen Brettern war der spätere Platzanweiser, Würstchenverkäufer und Kellner dann nicht mehr herunter zu holen.
Lewis war 20 und Komiker im Club 500 in Atlantic City, als er einen italienischen Schnulzensänger namens Paul Dino Crocetti alias Dean Martin kennenlernte. Die beiden Underdogs taten sich zusammen und tourten als ungleiches Paar durch die USA, sind die Hits der amerikanischen Nachtklubs. Die Masche war immer die gleiche: Lewis spielte den zappeligen Kindskopf, Dean Martin den charmanten Frauenhelden und die Seriosität in Person. Das Gespann bewährte sich u. a. in der US-TV-Show "The Colgate Comedy Hour" (1950-52) und seit 1949 auch in einer gemeinsamen Radio-Show.
Bereits 1948 hatte die Paramount-Filmgesellschaft den richtigen Riecher und engagierte das Duo. Sechzehn finanziell durchweg erfolgreiche Komödien drehten die beiden bis 1956, darunter immer wieder Militärklamotten: "My Friend Irma" (1949), "Irma im goldenen Westen", "Krach mit der Kompanie" (beide 1950), "Seemann, paß' auf!" (1951), "Schrecken der Division", "Der Prügelknabe" (beide 1952), "Der tollkühne Jockey" (1953), "Im Zirkus der drei Manegen" (Lewis als Clown), "Der sympathische Hochstapler" (beide 1954), "Der Gangsterschreck" (1955), "Wo Männer noch Männer sind" (Lewis als Sheriff) und "Alles um Anita" (beide 1956). Nach zehn Jahren trennen sich 1956 die Wege des beliebtesten Komikerpaares der USA.
George Marshalls "Dümmer als die Polizei erlaubt" (1957) ist Lewis erster Film ohne seinen Dauerpartner Dean Martin, der 1959 den Sprung zum Charaktertyp an der Seite von John Wayne in "Rio Bravo" schafft. Für Lewis folgen Lacherfolge wie "Der Regimentstrottel" (1957), "Fünf auf einen Streich" (1958, Lewis als überraschter Vater), "Geisha-Boy" (1958, Lewis als Zauberkünstler in Japan), "Besuch auf einem kleinen Planeten" (1959, Lewis und die Außerirdischen), die Militärgroteske "Keiner verlässt das Schiff" (1959), "Aschenblödel" (1959, Lewis in einer Märchengroteske). Mit dem selbstproduzierten Film "Hallo, Page" (1960) avanciert Jerry Lewis zum Regisseur und Drehbuchschreiber. Der Film verfolgt keine fortlaufende Geschichte, sondern zeigt Lewis als Hotelpagen in immer neuen Episödchen.
"Geld spielt keine Rolle" und "Der verrückte Professor" (beide 1962) sind Glanzstücke der Karriere als Regisseur und Schauspieler. Dieser "Nutty Professor" wirkt wie eine Aufarbeitung des Duos Jerry & Dean: Dean Martin war immer der trällernde Beau, der lässige Frauenheld, Jerry, der Tolpatsch, dem kein Stein zu klein ist, um darüber zu stolpern. Im "Nutty Professor" verwandelt sich der intellektuelle Tolpatsch in den oberflächlichen Schönling, und am Ende siegt der Tölpel: Jerry Lewis spielt Jerry und Dean zugleich. Fast 20 Jahre später in "The King of Comedy" hat er beide Naturen in einer vereint: eine seltsame, streckenweise androidenhaft wirkende und erschreckende Unperson.
Was danach kommt, steht im Schatten eines ambitionierten Werkes, das Lewis tragischerweise nicht vollenden kann: 1974 entsteht in Frankreich und Schweden ein Film, der heißt "Der Tag, an dem der Clown weinte" und erzählt die Geschichte eines jüdischen Zirkusclowns, der im Konzentrationslager der Nazis Kinder zum Lachen bringt. Am Ende zockelt er in einer Art Schlussbild wie aus einem Charlie-Chaplin-Film gemeinsam mit ihnen in die Gaskammer. Rechtliche Gründe verhinderen die Fertigstellung, das trifft den Künstler sehr tief. Zuvor noch erzielt er mit "Wo, bitte, geht's zur Front?", einer Persiflage auf Nazis und antifaschistische Propagandafilme, in Europa Erfolge, doch danach fehlt seinen Filmen und ihm selbst der richtige Biss.
Ab Mitte der 70er Jahre wird Lewis zur einer Randfigur in der US-Filmszene. Seine Comeback-Versuche "Alles in Handarbeit" (1979) und "Immer auf die Kleinen" (1984) werden selbst in Europa als Flops eingestuft. Aufmerksamkeit erzielte der schon erwähnte "The King of Comedy" (1983), der Lewis noch einmal eine Hauptrolle neben Weltstar Robert De Niro bescherte. Lewis spielt einen erfahrenen TV-Unterhalter, der von einem naiven Fan entführt wird. Dieser hält sich für einen begabten Entertainer und will mit seiner Aktion den Bühnenauftritt erzwingen.
Heute hat sich der Komiker fast völlig aus dem Filmgeschäft zurückgezogen. Er drehte zwar weiter, spielt in Emir Kusturicas "Arizona Dream", wo er an der Seite von Johnny Depp ein eindringliches Lebenszeichen gibt, und noch einmal in "Funny Bones - Tödliche Scherze" (1994). Zur Freude seiner Fans gastierte er 1997 in mehreren Shows am Broadway. Neben seiner künstlerischen Arbeit gehört Lewis Engagement heute jenen Kindern, die an einer unheilbaren Form des Muskelschwunds erkrankt sind und seine Slapsticks nie beherrschen werden. Für sie sammelt Lewis seit Jahrzehnten Spendengelder, bis zu 30 Millionen Dollar pro Jahr. Dafür wurde Jerry Lewis 2009 mit einem Ehren-Oscar ausgezeichnet: Er erhielt für sein humanitäres Engagement den Jean-Hersholt-Preis.
Doch im Grunde ist sein Stern längst erloschen: Der Clown, dessen Milieu das Chaos war, ist nicht mehr gefragt. Gelegentlich sieht man ihn noch in Fernsehfilmen als eindrucksvollen, aber eher unauffälligen Charaktertyp. Doch eines Tages wird man ihn wiederentdecken - wie Harold Lloyd, Buster Keaton und Max Linder.
Weitere Filme mit Jerry Lewis: "Der Tolpatsch", "Starr vor Angst" (beide 1953), "Patient mit Dachschaden" (1954), "Der Agentenschreck" (1955), "Der Bürotrottel", "Zu heiß gebadet" (beide 1961), "Der Ladenhüter" (1963), "Der Tölpel vom Dienst", "Die Heulboje" (beide 1964), "Boeing - Boeing", "Das Familienjuwel", "Drei auf einer Couch" (alle 1965), "Das Mondkalb" (1966), "Der Spinner", "Ein Froschmann an der Angel" (beide 1967), "Jerry, der Herzpatient" (1968), "Die Pechvögel" (1969, Regie), "Jerry, der Privatdetektiv" (1984), "An einem Freitagabend", "Mein Kind darf nicht sterben" (beide 1987), "Cookie - Die Tochter des Paten" (1989) und "Der letzte Komödiant" (1992).
-
4-Wochen-Vorschau für Jerry Lewis
Freitag, 12. Februar 2010 10.35 - 12.00 Das ErsteAschenblödel Komödie, USA, 1959, 84 min, FSK 6Montag, 15. Februar 2010 9.20 - 11.00 NDRDie Heulboje Komödie, USA, 1964, 98 min, FSK 6Mittwoch, 3. März 2010 20.15 - 21.45 Sky NostalgieDer Ladenhüter Komödie, USA, 1963, 86 min, FSK 6Mittwoch, 10. März 2010 20.15 - 21.55 Sky NostalgieDas Familienjuwel Komödie, USA, 1965, 96 min, FSK 6 -
Jerry Lewis
Regie 1960 Hallo Page
The Bellboy
Komödie, USA1961 Der Bürotrottel
The Errand Boy
Komödie, USA1961 Zu heiß gebadet
The Ladies' Man
Komödie, USA1962 Der verrückte Professor
Komödie, USA1964 Die Heulboje
The Patsy
Komödie, USA1965 Das Familienjuwel
The Family Jewels
Komödie, USA1965 Drei auf einer Couch
Three on a Couch
Komödie, USA1967 Ein Froschmann an der Angel
Krimikomödie, USA1969 Die Pechvögel
Komödie, Großbritannien1970 Wo, bitte, geht's zur Front?
Which Way to the Front?
Militärkomödie, USA1979 Alles in Handarbeit
Hardly Working
Slapstick-Komödie, USAProduzent 1957 Dümmer als die Polizei erlaubt
The Delicate Delinquent
Komödie, USA1958 Fünf auf einen Streich
Rock-a-Bye-Baby
Komödie, USA1958 Geisha-Boy
The Geisha Boy
Komödie, USA1961 Zu heiß gebadet
The Ladies' Man
Komödie, USA1965 Drei auf einer Couch
Three on a Couch
Komödie, USA1968 Jerry, der Herzpatient
Hook, Line and Sinker
Komödie, USADarsteller 1950 Irma im goldenen Westen
My Friend Irma Goes West
Komödie, USASeymour 1950 Krach mit der Kompanie
At War With The Army
Komödie, USASchütze Korwin 1951 Seemann, paß' auf!
Sailor Beware
Komödie, USAMelvin Jones 1952 Schrecken der Division
Jumping Jacks
Komödie, USAHap Smith 1952 Der Prügelknabe
Komödie, USATed Rogers 1953 Der tollkühne Jockey
Money from Home
Komödie, USAVirgil Yokum 1953 Der Tolpatsch
The Caddy
Komödie, USAHarvey Miller 1953 Starr vor Angst
Scared Stiff
Gruselkomödie, USAMyron Mertz 1954 Im Zirkus der drei Manegen
Three Ring Circus
Komödie, USAJerry Hotchkiss 1954 Patient mit Dachschaden
Komödie, USAHomer 1955 Der Agentenschreck
Komödie, USAEugene Fullstack 1955 Der Gangsterschreck
You're Never too Young
Komödie, USAWilbur Hoolick 1956 Alles um Anita
Komödie, USAMalcolm Smith 1956 Wo Männer noch Männer sind
Pardners
Westernkomödie, USAWade Kingsley jr. 1957 Dümmer als die Polizei erlaubt
The Delicate Delinquent
Komödie, USASidney Pythias 1957 Der Regimentstrottel
The Sad Sack
Komödie, USABixby 1958 Geisha-Boy
The Geisha Boy
Komödie, USAGilbert Wooley 1959 Aschenblödel
Cinderfella
Komödie, USAAschenblödel Fella 1961 Zu heiß gebadet
The Ladies' Man
Komödie, USAHerbert 1962 Geld spielt keine Rolle
It'S Only Money
Komödie, USALester March 1963 Der Ladenhüter
Komödie, USARaymond Phiffier 1964 Der Tölpel vom Dienst
Komödie, USAJerome Littlefield 1965 Drei auf einer Couch
Three on a Couch
Komödie, USAChristopher Pride 1965 Boeing - Boeing
Komödie, USARobert Reed 1966 Das Mondkalb
Way... Way Out
Komödie, USAPeter 1967 Der Spinner
Don't Raise the Bridge, Lower the River
Komödie, GroßbritannienGeorge Lester 1968 Jerry, der Herzpatient
Hook, Line and Sinker
Komödie, USAPeter Ingersoll 1983 The King of Comedy
The King of Comedy
Tragikomödie, USAJerry Langford 1984 Jerry, der Privatdetektiv
Komödie, Frankreich/TunesienClovis 1987 An einem Freitagabend
Fight for Life
Drama, USADr. Bernard Abrams 1987 Mein Kind darf nicht sterben
Melodram, USADr. Bernie Abrams 1989 Cookie - Die Tochter des Paten
Cookie
Krimikomödie, USAArnold Ross 1992 Arizona Dream
Arizona Dream
Tragikomödie, Frankreich, USALeo 1992 Der letzte Komödiant
Mr. Saturday Night
Komödie, USAJerry Lewis 1994 Funny Bones - Tödliche Scherze
Funny Bones
Tragikomödie, Großbritannien, USAGeorge Fawkes Produktion 1959 Aschenblödel
Cinderfella
Komödie, USA1961 Der Bürotrottel
The Errand Boy
Komödie, USA1965 Das Familienjuwel
The Family Jewels
Komödie, USA
Copyright © Prisma-Verlag GmbH & Co KG

